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"Religiöses Phänomen jenseits von Kirche“

 

Auf der 6. Pilgermesse in St. Jacobi wurde das Pilgern auch wissenschaftlich betrachtet

 

von Nicole Kiesewetter

 

HAMBURG - Pilgern ist "in", pilgern boomt. Mehr als 1500 Menschen besuchten am Wochenende die 6. Pilgermesse in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. 36 Infostände informierten über Routen, Quartiere und Ausrüstung. Viele Aussteller kamen aus Skandinavien, doch auch Österreich und die Schweiz waren vertreten. "Die Jacobi-Pilgermesse ist schlichtweg 'das' Pilgertreffen im Norden und die größte Info-Börse zum Thema deutschlandweit", so Hamburgs Pilgerpastor Bemd Lohse.

 

Zu denen, die die weiteste Anreise hatten, gehörte Vreni Gschwind aus Meiringen in der Schweiz. Die ausgebildete Pilgerführerin bietet regelmäßig "Pilgern auf dem Schweizer Jacobsweg" an. "Natürlich bin ich nach Hamburg gekommen, um unseren Weg bekannter zu machen", sagt sie. In der Schweiz gebe

es ein "super Wegenetz" und zusammen mit der wunderschönen Landschaft sei der dortige Jacobsweg "eine echte Alternative zum überfüllten Spanien".

 

Weniger weit hatte es hingegen Dagmar Ott aus Eckernförde, die Werbung machte für den durch Schleswig-Holstein führenden .Mönchsweg". Dabei biete der Weg von Glücksstadt an der EIbe bis nach Puttgarden an der Ostsee eine Alternative zum "klassischen Pilgern": "Die 340 Kilometer lange Strecke wird mit dem Rad zurückgelegt. Vorbei an alten Kirchen und Schlössern folgt der Mönchsweg den Wegen der ersten Christen im Mittelalter.

 

Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat man das Pilgern entdeckt. "Seit 2011 gibt es den Pilgerweg Mecklenburgische Seenplatte", erzählt Kersten Koepcke, Tourismus­Beauftragter der Kirche. Auf insgesamt rund 250 Kilometern führe der Weg durch teils unberührte Natur und lade ein in Stille zu gehen. Koepcke selbst bietet im Mai eine geführte Pilgertour auf einem Teilabschnitt des Birgitta-Wegs von Stralsund nach Güstrow an.

 

Doch neben Infos und Angeboten wurde dem Phänomen des Pilgerns am vergangenen Wochenende auch wissenschaftlich nachgespürt. Auf einem Symposium unter dem Titel "Mit allem Sinn auf dem Weg - Warum Menschen pilgern?“ stellte unter anderem der Soziologe Christian Kurrat von der Fern-Universität Hagen seine Forschungsergebnisse vor. Die wenigsten, die auf dem Pilgerweg unterwegs sind, tun dies aus traditionell religiösen Gründen, sagt er.

Pilgern sei vielmehr ein „biografisches Programm“, ausgelöst durch persönliche Ereignisse, Prozesse und Situationen. Typische Gründe für das Pilgern sind laut Kurrat vor allem persönliche Krisen oder Umbruchsituationen, die einem widerfahren. Das könne beispielsweise der Verlust eines nahe stehenden Menschen sein. Häufig sind es aber auch selbst herbeigeführte Brüche wie Trennung oder Auszeit aus dem Job. Oft pilgern Menschen auch, wenn sie vor einem „biografischen Übergang" stehen, wie dem Eintritt

ins Berufsleben oder ins Rentenalter.

 

Pilgern sei zwar immer noch ein religiöses Phänomen, sagt der Soziologe. Es erfülle grundlegende Funktion von Religion, nämlich .Sinnstiftung, Identitätsstiftung und Evidenzsicherung". In der Gesamtschau sei es jedoch "ein religiöses Handlungsformat jenseits von Kirche". Dies liegt nach Ansicht des 32-jährigen Wissenschaftlers vor allem daran, dass viele der heutigen Pilger mit den "erstarrten Deutungsmustern" der Kirche nichts mehr anfangen könnten.

 

Sie suchten Halt in einer sogenannten .Bastelreligion", einer individualisierten Religion, die sie sich aus verschiedenen Angeboten "zusammengebastelt" hätten. Das Problem sei jedoch, dass diese eigene Religion nicht "ratifiziert" sei, nicht bestätigt von einer anerkannten Institution. Der Austausch mit anderen Pilgern biete da die Möglichkeit der Selbstvergewisserung und der Erweiterung der eigenen Erfahrungen. Hape Kerkeling, dessen Pilger-Reisebericht "Ich bin dann mal weg" mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren bis heute das erfolgreichste deutschsprachige Sachbuch ist, bezeichnet Kurrat als "Steigbügelhalter für den Pilgerboom".

 

- Internet:

www.jacobsweg.ch;

www.pilgern-im-norden.de;

www.moenchsweg.de;

www.pilgerweg-mecklenburgische-seenplatte.de

 

aus: „Evangelische Zeitung“ vom 02.03.2014