SCHLIESSEN

Auf einen Blick

Suche

Problem zunehmender Konfessionslosigkeit

 




 

Zum „ Gelöbnis ohne Gewissenprüfung“ von Klaus Beckmann, DPfBl 5 / 2012

 

 

Beckmann spricht mit einer sehr fraglichen Behauptung das seit vielen Jahren tabuisierte Thema Militärseelsorge endlich wieder an. Denn, die Gewissenschärfung ist nicht “eine wesentliche Aufgabe der Militärseelsorge.“  Die einzige Aufgabe der Militärseelsorge ist und war es, die freie Religionsausübung der Soldaten zu gewährleisten. Da diese durch den Wehrdienst eingeschränkt ist, wurde deshalb zwischen dem Staat und der EKD der einzige deutsche Staatskirchenvertrag,  der Militärseelsorgevertrag abgeschlossen. Die Landeskirchen haben dazu entsprechende Ausführungsgesetzte beschlossen.

Unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung entbrannte ein heftiger Streit darüber, die Militärseelsorge auf die Bundeswehr Ost, auf das Gebiet der acht ehemaligen DDR Landeskirchen auszudehnen. Die ablehnende Haltung der Kirchen war keineswegs nur friedensethischer Natur sondern vor allem sehr pragmatisch. Warum soll die Kirche für eine fast 90 % konfessionslose Armee hauptamtliche Geistliche als Militärseelsorger freistellen? Antwort damals: weil das die Kirchen nichts kostet und viele gut bezahlten Stellen bietet. Um den Streit zu schlichten wurde von der EKD der Ausschuss „zur künftigen Gestaltung der Militärseelsorge“ eingesetzt, der auf der 4. Tagung der 8. Synode in Osnabrück im November 1993 seinen inzwischen längst vergessen Abschlussbericht vorlegte. Von den Mitgliedern des Ausschusses bekamen einige anschließend neue Posten oder wurden in den Ruhestand geschickt. Die anderen verstummten, denn das Thema Reform der Militärseelsorge kam sofort auf den Index und in der Praxis blieb abgesehen vom Kirchenbeamtenstatus der ostdeutschen Pfarrer alles beim Alten.

Schnell geriet jedoch die zunehmende Konfessionslosigkeit in der neuen Bundeswehr in Widerspruch zum theoretischen Anspruch der unveränderten Militärseelsorge. Bereits Ende der 90er Jahre betrug die Konfessionslosigkeit über 60 %. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht dürften die 80 % längst überschritten sein, denn der weitaus größte Teil der Zeit- und Berufssoldaten kommt inzwischen aus den konfessionslosen neuen Bundesländern.

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht hat die Militärseelsorge jede staatrechtliche Legitimation verloren. Doch gerade unter diesem Hintergrund ist es hoch interessant wer denn dann für die Gewissenschärfung der Soldaten zuständig ist? Man könnte meinen, die gesamte Gesellschaft oder vielleicht die Ethikkommission des Bundestages?

Man stelle sich einmal vor, es wird festgestellt, dass der Bedarf an Religionsunterricht deutlich zurückgeht. Daher fühlen sich die Religionslehrer im Rahmen eines berufsethischen Unterrichts für alle zuständig, ganz ohne Lehrplan und ohne Lehrbefähigung. Einfach nur, weil sie nun einmal da sind und doch sowieso vom Staat bezahlt werden. Wer ist nun für die Gewissenprüfung von konfessionslosen Soldaten und einer zunehmend konfessionslosen Gesellschaft zuständig? Eine hochinteressante und spannende Frage. Der Artikel von Klaus Beckmann blieb die Antwort dazu schuldig.

 

Pastor Erhard Graf

aus: „Deutsches Pfarrerblatt  Heft 7 / 2012