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Nicht einmal Geld für ein neues Dach


 


Pastor Wolfgang Runge vor der Maria-Magdalenen-Kirche in Berkenthin

 

Vielen Kirchen in Schleswig-Holstein fehlen die finanziellen Mittel, um ihre Gotteshäuser instand zu halten oder zu sanieren.

 

VonMarcus Stöcklin

 

Berkenthin – „Willkommen in der schönsten Kirche der Welt.“ So begrüßt Pfarrer Wolfgang Runge (53) in der Kirche von Berkenthin seine Schäfchen im Gottesdienst. „Die Gemeinde spricht das schon im Chor mit“, freut sich Runge. Doch seit einiger Zeit hat die Kirche im Lauenburgischen aus dem13. Jahrhundert einen unübersehbaren Schönheitsfehler: Es regnet durchs Dach. „Das ist aus Holzschindeln“, klagt der Prediger, „gut 160 Jahre alt.“ Seit einem Jahr schon hat es Löcher. Das Geld für die Sanierung aber fehlt. Eine rund 10 000 Euro teure Notsicherung soll möglichst bald erfolgen. 252 000 Euro würde die dringend notwendige Kompletterneuerung kosten. Runge: „Damit ist unsere Kirchengemeinde schlicht überfordert.“

 

Regenpfützen auf der Turmtreppe

 

Er schließt die Kirchenpforte auf und beginnt, die Wendeltreppe zum Turm zu erklimmen. Auf der Orgelempore hält er kurz inne, wirft einen Blick in das schmucke, erst vor einigen Jahren vorbildlich renovierte Kircheninnere. 2004 wurde der prunkvolle Altar von 1686 restauriert. Runge weist auf die mittelalterlichen Malereien im Kreuzgewölbe hin, dann steigt er weiter hinauf zu den Glocken – immer bemüht, nicht in die Pfützen auf den Treppenstufen zu treten.

 

Eine Leiter führt direkt unter das nach oben spitz zulaufende Turmdach. Die Eule, die dort nistet, leidet keinen Hunger: Nahrhafte Kleintiere gibt es genug in der Nähe und Wasser kann sie derzeit vom Balkenboden trinken: Eine große Lache hat sich unter dem undichten Dach gebildet. Strahlend hell, aber unerwünscht bricht das Tageslicht durch die Löcher in den Schindeln.

 

Schnelle Abhilfe bleibt ein frommer Wunsch. „Es wäre gut, wenn irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten zumindest die Löcher gestopft wären“, sagt Runge und bleibt realistisch. Mit der Kompletterneuerung aber rechnet der Gottesmann lieber in einem Zeitraum von fünf Jahren. Die Gemeinde Berkenthin bestehe überwiegend aus Familien mit Kindern. Von der Viertelmillion, die das neue Dach kostet, würde ein Drittel die nordelbische Kirche zahlen, ein weiteres Drittel der Kirchenkreis. 80 000 bis 90 000 Euro müsste die Kirchengemeinde selbst aufbringen.

 

Und genau das ist das Problem. Dabei fehlt es nicht am guten Willen. Erst vorletztes Jahr wurde die Orgel saniert, für 13 000 Euro – komplett aus Spendengeldern. Die Kirchensteuern decken jedenfalls gerade mal die laufenden Kosten. So hofft der Pastor nun auf Gottes und der Nächsten Hilfe – sprich Stiftungen oder wohlhabende Gönner. „Alleine schaffen wir es nie und nimmer.“

 

An vielenOrten im Land sieht es nicht besser aus. Das Geld reicht nicht für die notwendigen Reparaturen. Oft trotz aktiver Bemühungen der Gemeinden: Nicht selten bilden sich Förderkreise, die fleißig die Spendentrommel rühren. Bis das Geld aber zusammen ist und endlich gebaut werden kann, gehen oft Jahre ins Land.

 

Allein im Kirchenkreis Lauenburg-Lübeck, zu dem auch Berkenthin gehört, besteht bei einigen der insgesamt 28 Kirchen akuter Handlungsbedarf. So drohen die prächtigen, teils mittelalterlichen Ornamente in den Gewölben der Kirche von Sterley zu zerbröseln. „Das Dach ist undicht – und eine alte Dämmung hält die Feuchtigkeit in den Gewölben“, erläutert Liane Kreuzer, Leiterin der Bauabteilung des Kirchenkreises.

 

Geld ist knapp, guter Rat teuer. Und so ist – während etwa in Gudow und in der Ratzeburger Petrikirche gebaut wird –, anderswo banges Warten angesagt. Kreuzer: „Wie groß genau der Bedarf im Kirchenkreis ist, können wir noch gar nicht sagen. Wir sind noch bei der Bestandsaufnahme.“

 

Gerade kleine Dorfgemeinden tun sich oft schwer, Eigenmittel aufzubringen. An den mächtigen Lübecker Stadtkirchen werde ohnehin ständig gebaut, so Kreuzer, die besonders dringliche Fälle nicht hervorheben will. Allerdings: In St. Aegidien und St. Petri sei schon lange nichts gemacht worden, deutet die Expertin an.

 

Im Kirchenkreis Plön-Segeberg, der 35 historische Sakralbauten betreut, sei der Sanierungsbedarf eher nochgrößer als in Lübeck-Lauenburg, schätzt die dortige Leiterin der Bauabteilung, Heike Krüger. Pressesprecher Wolfgang Stahnke: „Besonders schlimm ist die Situation in Klein Wesenberg (Kreis Stormarn). Die Kirche war aus baulichen Gründen zwischenzeitlich gesperrt und ist derzeit nur provisorisch betretbar.“ 550 000 Euro kostet die Dachsanierung. „Die Gemeinde ist ratlos, es geht um Summen, die sie nicht haben.“

 

Kirche gesperrt – dank dem buntgescheckten Nagekäfer

 

In Probsteierhagen fehlen für die dringend nötige Renovierung ebenfalls noch 270 000 Euro. Das Norddach ist offen, der buntgescheckte Nagekäfer hat das Holz der Balkenkonstruktion porös gemacht. Laut Stahnke ist nicht klar, „wie einsturzgefährdet die Kirche ist“. Sie ist vorerst gesperrt. Jürgen Rösing, Architekt im Kirchenkreis Ostholstein, betreut insgesamt 44 Kirchengebäude. Eine der bedeutendsten und ältesten ist die 1160 erbaute Johanniskirche Neukirchen (bei Malente). Decken und Wände weisen starke Feuchtigkeitsschäden auf. In der Turmkapelle ist gar die Statik des Gewölbes beeinträchtigt. Kosten: Voraussichtlich über 200 000 Euro.

 

Im vor den Toren Lübecks gelegenen Sereetz dagegen würde es nur 34 000 Euro kosten, das undichte Dach zureparieren, durch das Regenwasser dringt. „Wir haben Angst, dass die Orgel kaputtgeht“, sorgt sich Susanne Rogall vom Kirchenvorstand. Auch sie will jetzt mit Gemeindemitgliedern Spenden sammeln, damit bald gebaut werden kann. Bis dahin, meint sie, müsse man wohl in Kauf nehmen, dass es beim Gottesdienst schon mal „auf die Schulter tröpfelt“.

 

aus: „Lübecker Nachrichten“, vom 08/09.01.2012, Seite 7