Der Jakobsweg ist seit gestern vollendet - und Swantje Knopf macht sich auf die Reise

 VON GRIT PETERSEN
LÜBECK - „Viele halten mich für verrückt, aber ich weiß genau, dass es richtig ist“, sagt Swantje Knopf lächelnd, während sie ihre Wandersandalen im Rucksack verstaut. Die 30-jährige Lübeckerin will sich morgen auf den Weg machen - genauer gesagt auf den Jakobsweg. Denn der beginnt nun direkt vor ihrer Haustür und endet erst nach 3500 Kilometern im spanischen Santiago de Compostela.
Gestern wurde die Teilstrecke Lübeck-Wedel des Pilgerweges Via Baltica neu eröffnet. Dieser galt schon im Mittelalter als nördliche Verlängerung des Jakobsweges. Die Via Baltica reicht von Usedom über Hamburg bis nach Osnabrück. Von dort führt der Jakobsweg dann über Köln nach Frankreich und endet schließlich in Spanien. „Die komplette Strecke nach Santiago ist jetzt durchgehend begehbar - und Swantje will das gleich mal testen“, sagt der Hamburger Klaus Letulé, der sich ebenso wie die Lübeckerin in der Deutschen St.-Jakobus-Gesellschaft engagiert.
Die 30-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zur Fachärztin, müsste „jetzt eh das Krankenhaus wechseln“ und gönnt sich nun ein halbes Jahr Auszeit. „Dieser Wunsch schlummert schon lange in mir, und jetzt ist der richtige Moment, ihn Realität werden zu lassen“, sagt die mutige Frau und stellt ihren fertig gepackten Rucksack auf die Waage: „Ha, ich bin gut, es sind nur zehn Kilo“.
Eitel dürfe man bei einer solchen Aktion nicht sein, sagt Swantje Knopf schmunzelnd. Im Gepäck hat sie nur das allernötigste: Schlafsack, Isomatte, zwei Hosen, zwei Shirts, Socken, Unterwäsche, Fleece-Pullis, Regenjacke, Kamera, Handy (für Notfälle), eine irische Blechflöte, ihre Bibel und ein in Leder gebundenes Büchlein. Das hat eine Freundin ihr vor einiger Zeit geschenkt. In dessen Vorderseite ist ein spanisches Pilgergedicht von Antonio Machado eingraviert, dass laut Swantje Knopf „wunderschön beschreibt, was mich erwartet“:
Wanderer, deine Tritte sind der Weg, und nichts sonst, Wanderer, Weg gibt es nicht, Weg wird Schritt für Schritt,
Schritte werde Weg, und im Blick zurück siehst du den Pfad, nie wieder zu schreiten. Wanderer, Weg gibt es nicht nur Kielwasser auf See.
„Im Mittelalter kam ein Großteil der Pilger aus dem Norden sagt Letulé. So sei die Strecke der Via Baltica zwischen Usedom und Osnabrück, zu der jetzt auch der fertiggestellte Abschnitt zwischen LübecK über Bad Oldesloe und Hamburg nach Wedel gehört, in enger Anlehnung an die alten Hansewege ausgezeichnet worden. „Es ist eine sehr reizvolle Strecke durch die Natur, die oft am Wasser entlang führt“, erklärt Letulé. Im Hamburger Stadtgebiet geht es darin als Kontrast quer durch die Innenstadt runter zur Elbe. Die 120 Kilometer sind in sechs Tagesabschnitte unterteilt - und damit auch für unerfahrene Wanderer gut geeignet. Nach vorheriger Anmeldung und mit eigenem Schlafsack könne in Kirchengemeinden oder bei Privatpersonen übernachtet werden. „Wir suchen noch weitere Mitstreiter, die für drei bis fünf Euro pro Nacht den Pilgern ein Dach über dem Kopf bieten“, sagt Letulé, der selbst vor einigen Jahren von der Schweiz bis nach Santiago gepilgert ist.
180 Tage hat Swantje Knopf für die 3500 Kilometer eingeplant. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sie im Durchschnitt jeden Tag 20 Kilometer wandern. „Das ist zu schaffen“, sagt die 30-Jährige, und ein Blick in ihr fröhliches Gesicht und die strahlenden braunen Augen genügt, um zu wissen: Was diese Frau sich vornimmt, das schafft sie auch. Ihre bisher längste Wandertour dauerte zehn Tage, ansonsten hält sich die Lübeckerin mit Joggen und Radfahren fit. Übernachten wird sie zunächst bei Freunden, später dann in Pilgerunterkünften. Ihren Pilgerpass, der in jeder Herberge abgestempelt wird, hat sie in fleißiger Bastelarbejt zusammenklebt, denn der Vordruck reicht nur für deutlich kürzere Strecken.
„Mich beeindruckt, dass seit vielen Jahrhunderten Menschen diesen Weg gehen“, sagt Swantje Knopf, die sich als gläubige Christin bezeichnet. „Alle Menschen, die den Jakobsweg gehen, sind auf der Suche, und wer sich auf den Weg macht, begibt sich damit immer auch auf den Weg zu sich“, ist‘ die 30-Jährige überzeugt. Sie freut sich auf die Einsamkeit und das bewusste Erleben der Natur genauso wie auf „Begegnungen auf dem Weg“. Swantje Knopf ist überzeugt, dass man „nur durch langsames Vorankommen Land und Leute wirklich kennenlernen kann“. Es gehe auch darum, den Alltag loszulassen. „Ich begebe mich auf meinen ganz eigenen Weg, um anzukommen.“
Hintergrund
Seit Jahren erlebt die Pilgerbewegung - nicht zuletzt wegen Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ - eine Renaissance. Und nach und nach werden immer mehr Jakobswege nach Santiago de Compostela durch Kennzeichnungen wieder begehbar gemacht. Der Name Jakobsweg geht auf den Apostel Jakobus den Älteren zurück. Der Apostel, der in Jerusalem hingerichtet wurde, gilt als Schutzheiliger. Er missionierte auf der iberischen Halbinsel und wurde zur Identifikationsfigur der Christen Der Fund seiner Leiche im neuten Jahrhundert löste eine erste Pilgerwelle von Christen nach Santiago de Compostela aus, wo sich sein Grab befindet. 1993 wurde der Jakobsweg Unesco~Welterbe Die Zahl der Deutschen, die nach Santiago pilgerten, stieg 2007 auf 13 837 (Vorjahr: 8097). Um den Pilger-status und die symbolische Jakobsmuschel zu erhalten, müssen mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß zurückgeIegt werden. Weitere Infos zu den norddeutschen Jakobswegen unter www.jakobswege-norddeutschland.de
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