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14.10.2011: Stormarn ist ein Paradies für Pilger


Als Pilgerinnen einmal quer durch Stormarn unterwegs. Hier in Grabau an der Wildschwein-Bank vor dem Waldlehrpfad. Hilke Lemke-Graap, Hanne Höpner und Renate Berner-Bade (v.l.) Fotos B. Judex-Wenzel

Stormarn ist ein Paradies für Pilger

 

Drei Wallfahrerinnen erlebten auf ihrem Weg durch den Kreis herrliche Natur und reizvolle Herbergen

 

Von Brigitte Judex-Wenzel

 

Grabau – „Bänke gibt es unterwegs zu wenige“, sind sich die drei Frauen einig. Ein paar mehr fänden sie wünschenswert auf der Pilgerroute der Via Baltica, die ein Teil des berühmten Jakobswegs ist und über gut 30 Kilometer auch mitten durch Stormarn führt.

 

Da – „Huch“ – erspähen sie eine Rotte Wildschweine und sehen auf den zweiten Blick, dass die freundliche dreinschauenden Tiere aus der vorderen Hälfte eines Riesenbaumstamms herausgeschnitzt worden ist und der hintere, naturbelassene Teil des Stamms geradezu zu einer Rast einlädt. Dieses Kunstwerk auf dem Parkplatz des Waldlehrpfads der Stormarner Sparkassenstiftungen in Grabau machen Hanne Höpner (66), Hilke Lemke-Graap (52) und Renate Berner-Bade (57) aus demsegebergischen Henstedt-Ulzburg für eine kleine halbe Stunde zu ihrer Bank. Dass die Skulptur eine Auftragsarbeit von Hobby-Bildhauer Dieter Krause aus Ahrensbök – hauptberuflich Förster – ist, interessiert die Wallfahrerinnen erst einmal nicht. Durst und Hunger – mit selbstgebackenem Früchtebrot wollen gestillt sein.

 

Die drei Freundinnen – „seit Jahrzehnten“ – sind Neu-Pilgerinnen. Hanne Höpner ist Rentnerin und hat alles vorbereitet. Sie verspürte schon länger Lust, das Pilgern auszuprobieren. Die beiden Freundinnen, die eine Zahnarzthelferin, die andere Diplom-Kauffrau, nahmen diese Woche Urlaub – und so ging es los. Alle drei hatten sich nicht nur mit der passenden Ausrüstung ausgestattet, sie waren auch innerlich bereit, sich auf den Weg zu machen.

 

Den Abschnitt von Lübeck nach Hamburg hatten die drei gewählt. „Durch, zum Ausprobieren, sichere Heimatgefilde“, wie Hanne Höpner es ausdrückt. Die Wanderinnen ließen sich nach Lübeck fahren und begannen dort, den Pilgerführer des in Hamburg sitzenden offiziellen Pilgerpastors der Nordelbischen Kirche, Bernd Lohse, zur Hand, den rund 80 Kilometer langen Weg von der kleineren in die größere Hansestadt.

 

Erste Übernachtungsstation war, wie könnte es anders sein, das  Gemeindehaus der Kirchengemeinde Klein Wesenberg. Hier ist das Obergeschoss frisch als Pilgerherberge hergerichtet worden. Klein Wesenberg ist in Stormarn die Pilgergemeinde. Dort begann 2005, lange vor dem allgemeinen Pilger-Boom, die bundesweit bekannt gewordene Pilgerreise der Nordstormarner Aktion „KircheAktiv“ in die Lutherstadt Wittenberg: 1000 Kilometer zu Fuß.

 

Hier bietet der zertifizierte Pilgerbegleiter Pastor Erhard Graf neuerdings regelmäßig geführte Pilgerwanderungen von Lübeck bis Klein Wesenberg an. Zur Zeit – bis Ende Oktober jeden Freitag – können diese sogar mit einem abschließenden Pilgerdinner im benachbarten Hamberge, im„Landhaus Hamberge“, verbunden werden. Ein Anteil von 15 der 40 Euro für das Vier-Gänge-Menü fließt in die Sanierung der Kirche in Hamberge, die 1327 als Pilger- und Taufkapelle am Handelsweg Lübeck-Hamburg errichtet wurde.

 

Santiago de Compostela ist das Traumziel

 

Die Pilgerräume im Gemeindehaus Klein Wesenberg sind einfach eingerichtet, aber so zweckmäßig, dass die Freundinnen ins Schwärmen geraten. In der gepflegten Pilgerstation sei alles vorhanden, was man brauche. „Sogar Wäscheständer zum Trocknen nasser Kleidung“, ist Renate Berner-Bade begeistert. Genau die brauchten die mit großen Rucksäcken ausgestatteten Pilgerinnen gleich nach ihrer ersten 15-Kilometer-Etappe. „Wir waren völlig durchnässt.

 

Tagzwei führte 22 Kilometer weiter bis Nütschau, wo das Kloster zur Pilgerunterkunft wird. Ein Ort, dessen Schönheit noch nachwirkt, als die Frauen am Tag darauf die nächste Stormarner Perle, den Grabauer Forst, durchwandern. An diesem Tag wollen sie ihre Häupter und die nicht minder müden Beine in Kayhude auf Pilgermatratzen betten. In Hamburg-Poppenbüttel endet diese erste Pilgerwanderung der drei. Gibt es ein nächstes Mal? „Wir versuchen es“, lacht Hilke Lemke-Graap. Abschnittsweise immer ein Stück weiter. Freundin Hanne: „Wir schließen nicht aus, dass wir in vier Jahren in Santiago de Compostela ankommen.“ Dem Ziel des Jakobs-Pilgerwegs. Dem Traumziel aller Pilger.

 

Teil des Jakobswegs

 

weit durch Stormarn führt, ist Teil eines 1600 Kilometer langen Wegenetzes, das Arbeitskreise der Deutschen Jakobsgesellschaft für Jakobspilger in Norddeutschland hergerichtet haben. Teils werden dafür alte Routen genutzt, die auch unter anderem Namen bekannt sind. So heißt der im Bereich Klein Wesenberg einbezogene Rad und Wanderweg bei den Naturfreunden Hanseweg. Wege, die zum Gesamtnetz des Jakobswegs gehören, sind mit dem Pilger-Erkennungszeichen, der Jakobsmuschel, gekennzeichnet. Alle Wege führen am Ende zu dem Pilgerziel schlechthin: Santiago de Compostela. Von Klein Wesenberg sind es bis dorthin 3500 Kilometer.

 

aus: „Lübecker Nachrichten“ vom 14.10.2011; Regionalausgabe Stormarn, Seite 13


Oft führt die Pilgerroute über Wanderwege. Wenn es an der Straße entlang geht, ist sicherheitshalber Gänsemarsch angesagt.