
Nur noch 1,5 km bis Klein Wesenberg auf dem langen Weg nach Santiago de CompostelaPilger machen Rast in Klein Wesenberg
Von Frauke Schlüter-Hürdler
Pilger sind immer in der Kirchengemeinde Klein Wesenberg willkommen. Die Jakobsmuschel als Symbol des Jakobsweges weist den Wanderern den Weg von Lübeck über Klein Wesenberg und Reinfeld nach Bad Oldesloe. Der Pilgerpfad führt 30 Kilometer durch Stormarn und beginnt gleich hinter Lübeck in dem idyllischen Örtchen an der Trave.
Ein Stein begrüßt die Wanderer am Wegesrand und weist ihnen den Weg zur Pfarrei in Klein Wesenberg. Denn dort können sich die Pilger ausruhen und neue Kraft tanken, und dort können sie sich ihren Jakobspass abstempeln lassen. Klein Wesenbergs Stempel besteht aus einer einfachen Muschel. Auf einer Bank kann man die Beine baumeln lassen und im Frühjahr und Sommer die Storchenfamilie im Pastoratsgarten bewundern.
"Täglich kommen hier zwei bis drei Pilger vorbei", erzählt Pastor Erhard Graf. Viele legen eine kleine Rast ein, andere holen sich nur ihren Stempel und marschieren weiter. Oft klingelt es auch an der Tür von Pastor Graf, und ein Pilger erzählt von seinen Wandererlebnissen. "Wir haben auf den Bedarf reagiert und die erste Etage des Gemeindehauses mit vier Gästezimmern ausgestattet", so Graf. Direkt gegenüber der Kirche finden die Pilger eine einfache, aber saubere und liebevoll gestaltete Bleibe zu Jugendherbergspreisen. Per Mail oder Telefon können sich Interessierte vorher anmelden. Drei bis vier Übernachtungen wöchentlich registriert das Kirchenbüro inzwischen.
Der Einsatz für die Pilger ist selbstverständlich ehrenamtlich. So fanden sich fleißige Helfer aus der Gemeinde, die den Schlüsseldienst für die Pilgerherberge, die vorrangig für Gemeindezwecke genutzt wird, übernahmen. "Man muss die Chancen, die einem gegeben werden, nutzen", sagt Graf. Für die Gemeinde ist es selbstverständlich, den christlichen Brauch der Gastfreundschaft auszuüben.
Alle Übernachtungsgäste dürfen sich zur Erinnerung eine Jakobsmuschel, die früher als Ess- und Trinkgefäß der Wanderer diente, von einem Mobile mit auf den Weg nehmen. So begrüßt auch die gelbe Muschel auf blauem Grund die Pilger direkt am Pastorat: Herzlich willkommen auf dem Jakobweg - hier bist du richtig.
Graf ist zertifizierter Pilgerbegleiter (wegbegleiter@web.de) und führt regelmäßig Pilgertage auf der Stormarner Strecke durch. Auch seine Konfirmanden wandern auf den Pfaden des Jakobus. "Zu Fuß unterwegs zu sein, verbindet uns mit der Schöpfung", sagt der Pastor, "wir spüren die Erde an unseren Sohlen und hinterlassen ihre Spuren in ihr". Sich selbst als Teil des Universums spüren, die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben stillen, Veränderung und Verwandlung erfahren.
Die Stormarner Strecke ist Teil der "Via Baltica". 3500 Kilometer sind es bis zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien. Millionen von Pilgern wanderten in Jahrhunderten auf diesem Weg - um sich auf sich selbst zu besinnen, den Weg zum Glauben (wieder-) zu finden, sich neu zu orientieren und spirituelle Erfahrungen zu sammeln.
Das Pilgern erlebt nicht nur wegen Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" neuen Aufschwung. Viele Menschen fliehen vor dem Alltagsstress und möchten einen neuen Weg der religiösen Besinnung einschlagen. 100 000 Pilger jährlich beweisen, dass man durchaus von einer neuen Pilgerbewegung sprechen kann.
Erst vor fünf Jahren wurde die Strecke von Usedom nach Hamburg von Ehrenamtlern der Deutschen Jakobusgesellschaft gekennzeichnet und neu erschlossen. Da bleibt nur noch, "Buon Camino" - einen guten Weg - zu wünschen.
aus: „Stormarner Tageblatt“ vom 04.08.2010
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