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12 / 2010: Allein auf die Fürbitte zu setzen, ist zu wenig


Pastor Erhard Graf, Klein Wesenberg zu:

 

»Führungsqualitäten im Gemeindealltag«

von Dietrich Stollberg,

DPfBl 9/2010,502f

 

Allein auf die Fürbitte zu setzen, ist zu wenig

 

Es ist Dietrich Stollberg sehr zu danken, dass er eines der sehr heiklen Themen in allen evangelischen Landeskirchen angesprochen hat. Offiziell ist es doch immer noch so, dass davon ausgegangen wird, die nötige Führungsqualität durch die Einführungshandlung zu bekommen. Genug für das Pfarramt und für das kirchliche Leitungsamt noch etwas mehr. Leider wird, wie am Anfang des zweiten Abschnitts völlig richtig bemerkt, aus einem hervorragend qualifizierten Theologen noch lange kein guter Kirchenfunktionär. Doch einmal im Amt, ist es anders wie in der Wirtschaft oder Politik, das leitende kirchliche Amt bleibt bis zur Pensionierung mit der einmal eingesetzten Person besetzt. Nur ein persönlicher Rücktritt ermöglicht einen Neuanfang. Das hat lange Tradition und ist vom System so gewollt. Dass das den Gemeinden und den Betroffenen nicht gut tut, ist längst bekannt.

 

Da Führungsqualitäten nicht zur theologischen Ausbildung gehören, aber, wie im Artikel richtig beschrieben, heute überall zwingend erforderlich sind und zurecht von vielen erwartet werden, müssen diese Fähigkeiten über eine zusätzliche Qualifikation erworben werden. In der Nordelbischen Kirche wird beim Institut für berufliche Aus- und Fortbildung (IBAF) der Diakonie in Hamburg, Kiel und Rendsburg eine Weiterbildung zur professionellen Führungskraft angeboten. Von der Landeskirche wird diese über maximal zwei Jahre dauernde und 28 Tage umfassende Weiterbildung zwar bezuschusst, doch wehe dem, der sich darauf einlässt! Jeder Kirchenfunktionär ist äußert misstrauisch und sehr wachsam wenn ihm dienstlich unterstellte Theologen eine Qualifikation anstreben, die eigene Defizite offenlegen könnte. Denn jeder Teilnehmende, ob in der KiTa-Leitung, in der Diakonie, oder als Pfarrer tätig, merkt schon nach dem ersten Kurstag, wo und warum bei der Kirche der Wurm drin steckt.

 

Wie im Artikel beschrieben sind leider viel zu oft kirchliche Führungskräfte ohne Führungsqualitäten anzutreffen. Deren Hauptaufgabe scheint, den Status Quo und damit ihr Amt zu verteidigen. Davon können alle Kollegen und Kolleginnen mit verschiedensten Zusatzqualifikationen ein Lied singen und viele skurrile Beispiele einbringen. Doch wer setzt neue Standards? Eine zeitlich klare Befristung im Amt mit der Möglichkeit einer Wahl, wie es in der Politik nach vier bis fünf Jahren völlig normal ist, wäre ein erster Schritt. Neben einer hervorragenden theologischen Qualifikation, vor dem Antritt einer leitenden Stelle die entsprechenden Führungsqualitäten zu erwerben, passt sicher nicht zum kirchlichen System. Management ist bisher noch kein theologisches Prüfungsfach. Doch allein auf die Fürbitte um eine gute Amtsführung zu setzen ist nicht wirklich zukunftsfähig für die evangelische Kirche.

 

aus: Deutsches Pfarrerblatt“ 12/2010, S. 667