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24.12.2010: Wer rettet die Hamberger Kirche?


Keine Sommersprossen, sondern Spuren des Holzwurms. Die Skulptur von Johann von Wickede

Wer rettet die Hamberger Kirche?

 

An den Kirchen nagt der Zahn der Zeit. Nach Zarpen und Klein Wesenberg muss auch das Gotteshaus in Hamberge umfassend saniert werden. Allein: Es fehlt das Geld.

 

Von Markus Carstens

 

Hamberge – Johann von Wickede hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Der Holzwurm hat dem ehemaligen Besitzer des damaligen lübschen Gutes Groß Steinrade arg zugesetzt, aber als Skulptur in der Hamberger Kirche ist man auch weitgehend macht- und wehrlos gegen äußere Einflüsse. Was zunächst aussieht wie Sommersprossen, entpuppt sich auf den zweiten Blick als feines Geflecht aus Löchern, die der Gemeine Nagekäfer (Anobium punctatum) – so die korrekte Bezeichnung – in den Kopf aus Lindenholz gebohrt hat. Der Holzwurm ist jedoch nicht das einzige Problem des Gotteshauses, das bereits im 14. Jahrhundert von den Lübecker Domherren als Wegekapelle an der heutigen Bundesstraße 75 errichtet wurde. Luftfeuchtigkeit, Nässe, Kälte, undichte Fenster und eine fehlende echte Kirchenorgel: Rechnet man alles zusammen, ergibt sich laut Pastor Erhard Graf ein Sanierungsbedarf von 500 000 Euro. „Mindestens“, wie Graf schnell nachschiebt.

 

Die Glasfenster im Bauhaus-Stil, die der norddeutsche Künstler Erich Klahn gestaltet hat, sind dabei noch das geringste Problem. „Sie wurden 1925 eingesetzt“, erklärt Pastor Graf. „Lange halten die nicht mehr. Sie müssen dringend gesichert und restauriert werden.“ Insgesamt leide die Kirche unter den bauphysikalischen Folgen der 1960er Jahre. Es gibt keine Bauplatte und somit keine echte Isolierung von unten. Folge ist eine ständig hohe Luftfeuchtigkeit, die nicht nur der Orgel zugesetzt hat, sondern auch Johann von Wickede und anderen Kirchenschätzen wie dem Engel über dem Taufbecken einiges abverlangt. Die Hanglage der Kirche mit dem Friedhof dahinter tut laut Graf ihr Übriges, Feuchtigkeit kann so von überall ins Mauerwerk eindringen. Das wiederum begünstigt auch die Ausbreitung der Holzschädlinge. Graf: „In den 60er Jahren hat man sich darüber jedoch keine Gedanken gemacht.“

 

Die Folgen sind unter anderem auch im Treppenhaus des Turmes zu begutachten. Spuren von Sägemehl zeugen davon, dass sich auch die Gemeinen Nagekäfer regelmäßig  über das Holz hermachen. „Die Treppe muss komplett raus“, sagt Graf und entdeckt gleich nebenan einen neuen Wasserschaden.

 

Neben dem Aufgang steht im Innenraum der Kirche normalerweise die Orgel. Jetzt ist dort aber von den Sitzbänken aus lediglich ein großes Spanntuch zu sehen, das die trostlose Leere dahinter und Risse in den Wänden verbergen soll. Nachdem 1959 die damalige Orgel von einem Feuer im Glockenturm vernichtet worden war, hielt auch das Nachfolgeinstrument nicht lange durch. „Durch die hohe Luftfeuchtigkeit wäre eine neue Orgel schnell wieder beschädigt“, erklärt Graf, warum in der Kirche nur Töne einer Orgel erklingen, die so manch einer aus dem Musikraum seiner Schule kennt. Diese Altlasten müssten erst beseitigt werden.

 

Auch die Lage der Kirche ist heute nicht mehr förderlich. „Damals hat man gedacht, man sei auf dieser Anhöhe sicher vor der Trave“, erläutert Erhard Graf. Heute verschlimmere dagegen der Lkw-Verkehr auf der B 75 bereits entstandene Schäden. Zudem sei der Dachstuhl noch gar nicht untersucht, was aber bald geschehen soll. Noch heute, über 50 Jahre nach dem Brand, stehen verrußte schwarze Holzbalken als stumme Zeugen für die damalige Katastrophe.

 

Das Landesamt für Denkmalpflege, das sich bereits vor Ort umgeschaut hat, der Kirchenkreis sowie Architekt Andreas Voßgrag aus Lübeck wollen in naher Zukunft ein Konzept erstellen, unter anderem für die Heizung, eine bessere Belüftung und die Elektronik. Am Ende des Winters soll dann ein Sanierungsgutachten vorliegen. Eine Finanzierung dürfte aber auch dann noch lange nicht in Sicht sein.

 

Historisches

 

Die Hamberger Kirche wurde wahrscheinlich 1327/28 erbaut. Im 16./17. Jahrhundert wurde sie zur Pfarrkirche vergrößert. 1957 brannte der freistehende hölzerne Glockenturm ab.

 

Besonderheiten sind der hölzerne Taufengel aus der Barockzeit und ein 1926 freigelegtes Kreuzigungsfresko aus dem 13. Jahrhundert. Das Taufbecken aus Sandstein wurde im heutigen Pastoratsgarten ausgegraben

 

Die Kirchengemeinde hat etwa 800 Mitglieder.

 

Denkmalpflege, das sich bereits vor Ort umgeschaut hat, der Kirchenkreis sowie Architekt Andreas Voßgrag aus Lübeck wollen in naher Zukunft ein Konzept erstellen, unter anderem für die Heizung, eine bessere Belüftung und die Elektronik. Am Ende des Winters soll dann ein Sanierungsgutachten vorliegen. Eine Finanzierung dürfte aber auch dann noch lange nicht in Sicht sein.

 

Mehr Bilder auf ln-online.de/gallery

(Bilder aus Stormarn)

 

aus: „Lübecker Nachrichten“ vom 24.12.2010 (Regionalausgabe Stormarn, Seite 9)


Das Gebälk im Turm wurde noch gar nicht untersucht, sagt Pastor Erhard Graf

Die Hamberger Kirche wurde vermutlich 1327-28 erbaut (Fotos Carstens)