
Ob das Augenmerk des damaligen LN-Reporters Raimund Marfeld bei dieser Aufnahme aus den 60er Jahren der Brücke galt oder der Kirche in Klein Wesewnberg, ist unbekannt. Jedenfalls hielt er die historische Holzbrücke im Bild fest. (Foto KREISARCHIV) Die Brücke der Vereinigung wird 100
Zum 100-jährigen Bestehen seiner Brücke über die Trave feiert Klein Wesenberg im April ein zweitägiges „Brückenfest“. Mitten auf dem Bauwerk findet dann ein Gottesdienst statt.
VON BRIGITTE JUDEX-WENZEL
Der Anlass für das Fest hat sich noch etwas verändert. Die Brücke wird schon 109 Jahre alt, aber vor 100 Jahren, im Frühjahr 1910, war es nur durch ihre Existenz möglich, dass Groß Wesenberg in die Kirchengemeinde Klein Wesenberg eingemeindet werden konnte. Das Holz-Bauwerk über die Trave – später durch eine Betonkonstruktion ersetzt – erlaubte es den Menschen erstmals, ans andere Ufer zu wechseln, ohne sich vom Fährmann mit dem Boot übersetzen zu lassen. Einige Jahre später durften sie dann die Kirche besuchen, die sie täglich vor Augen hatten.
Begeistert nahm Bürgermeister Anregung von Pastor Erhard Graf auf, den besonderen Brücken-Geburtstag zu feiern. Da galt noch der 10. April 1910 als Fertigstellungsdatum. Dieser Tag kam 2010 wegen der Osterferien als Festtag nicht in Frage. So sollte ein Wochenende später gefeiert werden. Die Ideen reichten
für zwei Tage, so dass der Bürgermeister jüngst Sonnabend, 17., und Sonntag, 18. April, als Fest-Tage für das Brücken- Jubiläum bekannt gab. Doch Pastor Erhard Graf ist noch einmal in das Pfarrarchiv eingetaucht – und nun muss die Geschichte umgeschrieben werden. Unverändert bleibt jedoch, dass die Klein Wesenberger unter Einbeziehung der Groß Wesenberger am 17. und 18. April die Brücke feiern – wenn schon nicht als Jubilar, dann eben als die Errungenschaft, die Nachbarn zusammengeführt hat. Und für diese Zusammenführung selbst kann ja der 100. Jahrestag begangen werden.
Tatsächlich, das hat der Geistliche schwarz auf weiß gefunden, wurden die Flussufer schon 1901 mit einem festen Bauwerk verbunden. Folge daraus war, dass die „Dorfschaft Groß Wesenberg“, wie der heutige Ortsteil der Gemeinde Wesenberg in alten Büchern heißt, 1910 in die Kirchengemeinde Klein Wesenberg umgepfarrt wurde.
Vor 1735 hatte das Dorf zur Kirchengemeinde Zarpen gehört. Durch Herzogliche Verfügung vom 24. März 1735 wurde Groß Wesenberg der Reinfelder Kirche zugewiesen. In einem Bericht des Klein Wesenberger Kirchenvorstands vom 23. August 1909 ist allerdings nachzulesen, dass seit einigen Jahren lebhaft der Wechsel in die Kirchengemeinde Klein Wesenberg gewünscht werde.
„Und das unseres Erachtens mit vollem Recht“, schrieben die Vorstandsmitglieder. Denn: „Seit dem Jahr 1901 ist durch die Travebrücke eine bequeme Verbindung zwischen Groß und Klein Wesenberg geschaffen.“ Ein Fußgänger brauche nicht länger als zehn Minuten, um den Weg von Groß Wesenberg zur Kirche in Klein Wesenberg zurückzulegen. „Die Entfernung beträgt nur ¾ km. Bis zur Reinfelder Kirche haben die Groß Wesenberger eine volle Stunde zu gehen.“ Damals waren die meisten Menschen noch zu Fuß unterwegs. „Bei der Zugehörigkeit zur Klein Wesenberger Kirche werden die Groß Wesenberger also sehr leicht ihren kirchlichen Verpflichtungen nachkommen können“, begründeten die Kirchenvorsteher den Umgemeindungs- Antrag an die Synode.
Die entstehende Mehrarbeit sei dem Pastor in Klein Wesenberg „nicht unerwünscht“, da das Kirchspiel in den vergangenen Jahren „in seiner Seelenzahl“ zurückgegangen sei. 1879 habe diese noch 1574 betragen, nun nur noch 1255.„Von sämtlichen nach Klein Wesenberg eingepfarrten Ortschaften liegt der Kirche keine einzige so nahe als Groß Wesenberg“, so der Klein Wesenberger Vorstand weiter. Es sei schon immer als unnatürlich empfunden worden, dass Groß Wesenberg kirchlich zu dem weit entfernten Reinfeld gehöre und nicht zu dem so nahe liegende Klein Wesenberg.
Und dann kam der Trumpf der Klein Wesenberger Kirchenoberen: Sie konnten darauf verweisen, dass der Grund der Trennung einzig und allein das Fehlen einer Brücke über den Fluss gewesen sei. Und die gebe es seit 1901. 1910 erhörte die Synode den Wunsch. Am 1. April 1910 wurde die Umpfarrung beurkundet.
aus: "Lübecker Nachrichten" vom 22.01.2010 (Seite 11)
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