
 Zu Heiligabend
Alle Jahre wieder
Von Erhard Graf
Pastor in Klein Wesenberg
Wenn es wieder ganz still geworden ist in der Heiligen Nacht und in der Herberge alles schläft und selbst Josef und Maria nicht mehr einsam Wacht halten, dann ist im Stall von Bethlehem nur noch die kleine Maus unterwegs. Und die hält im Dunkeln völlig furchtlos nach etwas Essbarem Ausschau. Die kleine Maus hat alles mitbekommen, was an diesem Abend los war. Vor Menschen hat sie schon längst keine Angst, und die alte Katze der Wirtsleute hat Rheuma, die tut ihr auch nichts.
Einen Schreck hat sie natürlich bekommen, als es wegen der vielen Engel plötzlich so hell wurde. Gewundert hat sie sich über die Worte der Hirten von der Geburt des Heilands. Der kleine Knabe in der Futterkrippe soll der Sohn Gottes sein, der Weltenretter? So etwas hatte sie bei den vielen Geschichten, die im Wirtshaus immer wieder erzählt werden, noch nie gehört. Schön wäre das ja, denn die Menschen allein werden es nie schaffen, in Frieden zu leben. Die streiten sich doch schon, wenn die Portionen der Wirtin nicht alle gleich groß oder die Becher unterschiedlich voll sind. „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ – ja, das wäre schön.
Dann sollten die Menschen wenigstens jedes Jahr von Neuem diesen uralten Traum vom Frieden weitererzählen und in den wunderschönen Liedern die Geburt des Sohnes Gottes zur Weihnacht besingen. Dazu die vielen Lichter, so als würde der Glanz der Engel bis heute erstrahlen und der Stern von Bethlehem den Menschen in der dunklen Winternacht den Weg zum Leben weisen.
Ich freue mich auf die Begegnung mit der kleinen Maus, die heute Nachmittag vor vielen Leuten in Klein Wesenberg davon erzählen wird, wie es damals war, im Stall von Bethlehem. Kurz vor Mitternacht wird dann der Chor die alten Lieder in der besonderen Akustik unserer Kirche singen. Schön, dass es Weihnachten gibt. Alle Jahre wieder.
aus: „Lübecker Nachrichten“ vom 24.12.2009 (Seite 9)
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